
Marktmonitor
Regionale Preisunterschiede vergleichen: Datenquellen und methodische Grenzen
Lebensmittel gehörten zuletzt zu den stärksten Inflationstreibern in Österreich.
Worum es geht: Preise vergleichen – aber auf welcher Ebene?
Lebensmittel gehörten zuletzt zu den stärksten Inflationstreibern in Österreich. Stärker auf die Teuerung wirkten nur Wohnen, Wasser und Energie – verstärkt durch das Auslaufen der Strompreisbremse – sowie Hotels und Restaurants. Daten der Statistik Austria zufolge stiegen die Preise für alkoholfreie Getränke um 16,8 Prozent, für die gewichtige Ausgabengruppe Milch, Käse und Eier um 5,1 Prozent und für Fleisch bzw. Fleischwaren – ebenfalls ein großer Teil des Warenkorbs – um 4,4 Prozent gegenüber 2024.
Parallel wird über Preistransparenz, Stichwort Rabattaktionen, und über eine angekündigte Mehrwertsteuersenkung auf bestimmte Grundnahrungsmittel diskutiert. Die von Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) genannte Produktliste umfasst Milch, Butter und Eier, weiters Reis, Zwiebel, Knoblauch, Salate, Gurken, Paradeiser, Erdäpfel, Äpfel, Birnen, Steinobst wie Marillen sowie Brot und Gebäck. Statistik-Austria-Generaldirektorin Manuela Lenk wollte zum möglichen inflationsdämpfenden Effekt keine Einschätzung abgeben: „Einschätzungen werden wir keine geben, weil wir das in den Zahlen sehen müssen.“
Wer in dieser Debatte regionale Preisunterschiede sucht, landet auf einer anderen Ebene. Die öffentlich zugänglichen Werkzeuge vergleichen Produktgruppen im Zeitverlauf und mit anderen Ländern, nicht aber Gemeinden, Bezirke oder Bundesländer untereinander. Der folgende Überblick ordnet die verfügbaren Quellen danach, welche Vergleichsebene sie tatsächlich abbilden und wo ihre Aussagekraft für regionale Fragen endet.
Zwei zugängliche Preisquellen und was sie tatsächlich abbilden
Die Statistik Austria hat im Jänner 2026 eine neue Datenbank zur Lebensmittelpreisentwicklung präsentiert, den sogenannten Preisradar, abrufbar unter statistik.at/preisradar. Er zeigt Preisveränderungen ausgewählter Produkte über den Zeitverlauf: insgesamt gut 100 verschiedene Lebensmittel, darunter Güter des täglichen Bedarfs wie Brot, Milch, Eier sowie verschiedene Gemüse- und Obstsorten. Zusätzlich erlaubt das Tool den Blick auf und den Vergleich von Indizes wie Großhandels- oder Erzeugerpreisen. Generaldirektorin Manuela Lenk beschrieb das Ziel als „schnellen und kompakten Überblick über die Preissituation“; dafür seien vorhandene Daten „übersichtlich und sinnvoll“ zusammengefasst worden.
Ländervergleiche liefert der Preisradar nicht auf Produktebene, sondern auf Ebene von Produktgruppen – etwa Getreide und Fleischwaren – und stellt diese Deutschland, der Schweiz oder dem gesamten Euroraum gegenüber. Die regionale Auflösung endet damit beim Vergleich Österreich gegen andere Länder bzw. gegen den Euroraum.
Das Monitoring der Lebensmittelpreise auf preise.agrarforschung.at stützt sich auf das Instrument zum Monitoring der Lebensmittelpreise von Eurostat (Datencode PRC_FSC_IDX). Es ist damit eine harmonisierte, EU-weit angelegte Quelle und keine eigene österreichische Regionalebene.
Für die Praxis heißt das: Beide Quellen arbeiten mit Indexwerten bzw. Gruppenaggregaten. Wer aus dem Preisradar eine Aussage über das Preisniveau in einem konkreten Bezirk ableiten will, überschreitet die Vergleichsebene der Quelle. Die enthaltenen Großhandels- und Erzeugerpreisindizes sind hingegen ein Ansatzpunkt, um Preisbewegungen über mehrere Stufen der Wertschöpfungskette zu verfolgen – räumlich bleiben sie national.
Vergleich der verfügbaren Datenquellen für Lebensmittelpreise in Österreich
- Quelle
- Preisradar (statistik.at)
- Regionale Auflösung
- Nationale Ebene; keine Gemeinde-, Bezirk- oder Bundeslandvergleiche
- Zeitraum
- Kalenderjahr und Wirtschaftsjahr je nach Produktgruppe
- Ländervergleich
- Ja – gegen Deutschland, Schweiz, Euroraum auf Produktgruppenebene
Versorgungsdaten und regionale Ernährungssysteme als Kontext
Die Versorgungsbilanzen der Statistik Austria werden jährlich erstellt und zeichnen die Nahrungsmittelversorgung Österreichs nach. Ermittelt wird die Inlandsverwendung, indem der Inlandserzeugung plus Einfuhr (Aufkommen) die Ausfuhr und die Bestandsveränderung gegenübergestellt werden. Die wichtigsten Datenquellen sind Produktionsstatistiken, Außenhandelsdaten sowie Expertisen der jeweiligen Branche; daraus ergeben sich Kennzahlen wie der Grad der Selbstversorgung und der Pro-Kopf-Verbrauch.
Beispiele aus der Berichterstattung: Der Pro-Kopf-Verbrauch von Milch und Milchprodukten lag 2025 bei 119,3 kg und stieg gegenüber dem Vorjahr, der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch bei 58,5 kg und sank, der Eierverbrauch bei 246 Stück und stieg. Detailreihen stehen in STATcube zur Verfügung, unter anderem für Getreide, Ölsaaten, pflanzliche Öle, Obst, Gemüse, Kartoffeln und Kartoffelstärke, Hülsenfrüchte, Reis, Zucker, Honig, Bier, Wein sowie für Fleisch, Geflügel, Eier, Fische, Milch und tierische Fette – teils ab 1994/1995, teils ab 1995.
Für die Periodenabgrenzung gilt: Der pflanzliche Sektor umfasst zwölf Hauptgruppen und bezieht sich auf das Wirtschaftsjahr vom 1. Juli bis 30. Juni des Folgejahres, die Weinbilanz auf 1. August bis 31. Juli, die Zuckerbilanz auf 1. Oktober bis 30. September. Der tierische Sektor umfasst sechs Hauptgruppen und bezieht sich auf das Kalenderjahr vom 1. Jänner bis 31. Dezember.
Das Umweltbundesamt ergänzt diese nationale Perspektive mit Analysen regionaler Ernährungssysteme und Lebensmittelpfade, in denen Versorgung und Bedarf innerhalb einer Region gegenübergestellt werden. Beide Zugänge beschreiben Mengen, Verfügbarkeit und Selbstversorgung – sie messen keine Preise. Sie taugen daher als Rahmen (etwa um zu prüfen, ob eine Region ein Gut überhaupt in relevantem Umfang erzeugt), nicht als Preisquelle.
Vergleich der Datenquellen für Versorgung und Preisentwicklung
- Quelle
- Versorgungsbilanzen (Statistik Austria)
- Messgröße
- Mengen: Inlandsverwendung, Selbstversorgungsgrad, Pro-Kopf-Verbrauch
- Preisinformation
- Nein – keine Preise oder Preisentwicklungen
- Räumliche Gliederung
- National, ohne regionale Unterteilung
Wo der Vergleich brüchig wird: Index, Aggregation und Periodenabgrenzung
Index statt Preis: Der Preisradar zeigt Preisveränderungen über die Zeit und Indizes wie Großhandels- oder Erzeugerpreise. Ein Indexwert sagt, um wie viel sich etwas gegenüber dem Basiszeitraum bewegt hat – nicht, was eine Ware in einem Geschäft kostet. Eine Aussage über das Preisniveau einer Region lässt sich daraus nicht ableiten, auch wenn die Veränderungsrate überall gleich hoch wäre.
Aggregationsstufe: Die Ländervergleiche des Preisradars erfolgen auf Ebene von Produktgruppen wie Getreide oder Fleischwaren, nicht auf Ebene einzelner Produkte. Je breiter die Gruppe, desto mehr unterschiedliche Einzelprodukte, Sorten und Packungsgrößen verschwinden darin. Eine Gruppe wie „Milch, Käse und Eier“ bündelt Waren mit sehr unterschiedlichen Preisen und Mengengewichten.
Warenkorb und Gewichtung: Wie stark eine Gruppe die Gesamtteuerung prägt, hängt von ihrem Anteil am Ausgabenkorb ab. Die Steigerungsraten von 16,8 Prozent bei alkoholfreien Getränken, 5,1 Prozent bei Milch, Käse und Eiern und 4,4 Prozent bei Fleisch und Fleischwaren sind ohne die zugehörigen Gewichte und die genaue Produktabgrenzung nicht direkt miteinander vergleichbar; beim Vergleich mit Deutschland, der Schweiz oder dem Euroraum kommt hinzu, dass die nationalen Körbe unterschiedlich zusammengesetzt sind.
Berichtszeiträume und Abgrenzungen: Selbst innerhalb einer Quelle stimmen die Perioden nicht überein. Die Versorgungsbilanzen verwenden für den pflanzlichen Sektor das Wirtschaftsjahr, für Wein und Zucker jeweils eigene Wirtschaftsjahre und für den tierischen Sektor das Kalenderjahr. Wer Versorgungsdaten mit Preis- oder Indexreihen kombiniert, muss diese Perioden zuerst auf eine gemeinsame Basis bringen.
Harmonisierte Erhebungen: Das Monitoring der Lebensmittelpreise auf preise.agrarforschung.at beruht auf dem Eurostat-Instrument (Datencode PRC_FSC_IDX). Harmonisierte EU-Erhebungen liefern gerade deshalb Vergleichbarkeit über Länder, weil sie auf tiefere regionale Gliederungen verzichten. Die regionale Auflösung ist damit systematisch begrenzt und nicht bloß eine Frage der Darstellung.
Vorteile und Grenzen der aktuellen Preisdatenquellen
- VorteileÜbersichtliche Darstellung von Preisveränderungen; harmonisierte EU-Vergleiche; öffentlich zugänglich; mehrstufige Kette mit Erzeuger- und Großhandelspreisen
- GrenzenKeine regionalen Unterschiede unterhalb der nationalen Ebene; Aggregation von Produkten mit unterschiedlichen Preisen; Indexwerte statt absoluter Preise; unterschiedliche Berichtszeiträume
Preistransparenz entlang der Wertschöpfungskette als offene Baustelle
Eine WIFO-Studie im Auftrag von AK Wien und ÖGB (April 2024) befasst sich mit dem Konzept einer Preisdatenbank zur Erhebung von Daten in der Lebensmittelwertschöpfungskette. Damit ist die Richtung vorgegeben: Preistransparenz soll nicht nur beim Endkonsum ansetzen, sondern entlang der Stufen der Kette.
Aus den zuvor beschriebenen Lücken lässt sich ableiten, welche Dimensionen ein solcher Datensatz mindestens ausweisen müsste, um regionale Preisvergleiche belastbar zu machen: die Stufe (Landwirtschaft, Verarbeitung, Großhandel, Lebensmittelhandel, Konsument), die räumliche Einheit, auf die sich der Wert bezieht, eine eindeutige Produktdefinition inklusive Qualität und Packungsgröße, den Berichtszeitraum sowie die Angabe, ob ein absoluter Preis, ein Durchschnittspreis oder ein Indexwert vorliegt.
Der Preisradar deckt davon bereits Teile ab, indem er neben Produktpreisentwicklungen auch Großhandels- und Erzeugerpreisindizes zugänglich macht. Was fehlt, ist die Verbindung dieser Stufen mit einer räumlichen Gliederung unterhalb der nationalen Ebene – genau jene Lücke, die die WIFO-Studie mit dem Konzept einer Preisdatenbank adressiert.
Praktische Konsequenzen für die eigene Auswertung
Die Quellenwahl folgt der Fragestellung: Für die Preisentwicklung einzelner Produkte und für Länder- bzw. Produktgruppenvergleiche ist der Preisradar die naheliegende Quelle, für harmonisierte EU-Vergleiche das Monitoring auf preise.agrarforschung.at, für Mengen, Verfügbarkeit und Selbstversorgung die Versorgungsbilanzen, für regionale Versorgungs- und Bedarfsfragen die Analysen des Umweltbundesamts. Eine Preisaussage lässt sich aus den beiden letztgenannten Quellen nicht gewinnen.
Bei jeder Auswertung sind Vergleichsebene und Bezugszeitraum offenzulegen: Produktgruppe oder Einzelprodukt, Land oder Euroraum, Index oder absoluter Preis, Kalenderjahr oder Wirtschaftsjahr. Diese Angaben gehören in den Text und nicht nur in die Fußnote, weil sie bestimmen, welche Schlüsse zulässig sind.
Rückschlüsse von nationalen Indizes auf einzelne Regionen sind zu vermeiden oder ausdrücklich als Annahme zu kennzeichnen. Mit dem derzeit verfügbaren Material nicht beantwortbar bleiben Fragen nach dem Preisniveau in einer bestimmten Gemeinde oder einem Bezirk, nach regionalen Preisabständen zwischen einzelnen Geschäften sowie nach der Preisentwicklung auf den einzelnen Stufen der Wertschöpfungskette innerhalb einer Region – genau die Lücke, die das Konzept einer Preisdatenbank in der Lebensmittelwertschöpfungskette schließen soll.
Schritte zur korrekten Nutzung von Lebensmittel-Datenquellen
- Fragestellung klärenPreisentwicklung? Mengenverfügbarkeit? Regionale Unterschiede?
- Quelle auswählenPreisradar für Preisveränderungen, Versorgungsbilanzen für Mengen, Umweltbundesamt für regionale Systeme
- Vergleichsebene definierenProduktgruppe oder Einzelprodukt? Nationale oder europäische Ebene?
- Zeitraum abgleichenKalenderjahr vs. Wirtschaftsjahr beachten – z. B. bei Versorgungsbilanzen
- Ergebnisse transparent dokumentierenAngabe von Index, absolutem Preis, räumlicher Gliederung und Berichtszeitraum im Text


